Phönix statt Ullrich


Regenschlacht um Frankfurt und im Taunus



Irgendwann im Januar erreicht mich eine Mail unseres Vereinsmitgliedes Jürgen Jung: "Habe mich beim Jedermann-Rennen zum Henninger Turm am 1. Mai in Frankfurt angemeldet. Hat jemand Lust mitzufahren?" Ein paar Mails gehen hin und her, dann melden sich Günther und ich ebenfalls an, 42 Euro sollte uns der Spaß schon wert sein!


Was aus diesem Spass wirklich werden sollte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Leider muss Jürgen in der Woche vor dem Rennen kurzfristig wegen privater Termine absagen - oder wusste er schon, was am 1. Mai in Frankfurt wirklich los war?
Also war die Phönix-Truppe auf zwei Mann zusammengeschrumpft.

Samstagmorgen, 6.30 Uhr: Günther holt mich ab, der Himmel zeigt Blau, kaum Wolken: kann ein schöner Tag werden, zumal der Wetterbericht erst für den Nachmittag einzelne Schauer meldet!

Bis kurz vor Mainz haben wir auch keinen Grund, an diesen Prognosen zu zweifeln. Doch dann durchqueren wir die ersten Schauer, und als wir an der Ballsporthalle in Frankfurt ankommen, hat der sich Himmel komplett grau eingefärbt, die ersten Tropfen fallen aus den dichter werdenden Wolken. Das tut unserer Laune jedoch keinen Abbruch, ist es doch erst 8 Uhr und bis zum Start sind es noch fast zwei Stunden: "Bis dann hat der Regen aufgehört und ab 11 Uhr scheint die Sonne!" Noch eine kurze Stärkung, und dann geht's ab zur Startnummernausgabe.

Als wir die Räder aus dem Auto holen und zusammenbauen, stellt Günther fest, dass sein HAC4 keine Geschwindigkeit anzeigt. Ein Austausch der Geräte zeigt: Batterieproblem bei Günther, wir tippen auf die Senderbatterie. Also auf die Räder und eine Tankstelle suchen! Bei der ersten haben wir kein Glück, aber der freundliche Tankwart schickt uns weiter. Nach einigen Kilometern werden wir fündig, aber da der Regen mittlerweile stärker geworden ist, sind wir jetzt auch schon klatschnass.
Die Batterie wird eingebaut - und der HAC geht immer noch nicht! Also war's die Empfängerbatterie am Lenkerhalter! Sch...!!!

Aber mein HAC4 funktioniert ja, die Protokollierung der Strecke scheint gesichert.

Also zurück zum Parkplatz, der sich inzwischen gefüllt hat: 2500 Teilnehmer haben sich angemeldet, sowohl an der Ballsporthalle als auch an der Jahrhunderthalle sind alle Plätze besetzt.

Der Regen ist stärker geworden, und wir entschließen uns, die Kameras nicht mitzunehmen: die Gefahr, dass sie unterwegs Schaden leiden, ist zu groß!

Kurz vor 10 Uhr reihen wir uns in den Startboxen ein - und pünktlich um 10.15 Uhr gehen wir auf die Strecke.

Die ersten 20 km sind flach, allerdings gibt es bald die ersten Stürze: nicht jeder ist gewohnt, in einem großen Feld zu fahren, die Folgen ergeben sich dann von selbst!

Nach 10 km verabschiedet sich mein HAC: er ist mit Wasser vollgelaufen und zeigt nur noch eckige Zeichen!

Wir rollen mit über 30 km/h durch teilweise enge Gassen. Man muss in den Kurven höllisch aufpassen, das Wasser steht in den Pfützen, ganz besonders gefährlich sind die Fahrbahnmarkierungen und Zebrastreifen.


Noch scherzen wir miteinander: "Das wäre ja bei Sonnenschein richtig langweilig!"
"Ach, Saarländer!" ruft einer aus dem Feld: wir haben aus 2500 Teilnehmern den Sohn Holger unseres 2. Vorsitzenden herausgefiltert! Ein Diehl hebt sich halt aus der Masse!

In Eppstein überfahren wir eine Kopfsteinpflaster-Passage, anschließen geht's rechts ab und bergauf. Am Rande ruft ein Zuschauer: "Jetzt geht's zur Sache!" Und wie: ein knapper Kilometer, aber die Wand hoch, geschätzte 18%!!!
Immer mehr Teilnehmer kapitulieren vor der Steigung und quälen sich zu Fuss mit rutschenden Pedalplatten den Berg hoch. Diejenigen, die noch im oder aus dem Sattel sind, müssen Slalom fahren.
Und wenn der Kopp platzt, ich komme hoch, auch dank der Anfeuerungsrufe durch die Zuschauer!!!

Die anschließende Abfahrt ist steil und kurvig, wir genießen sie mit größter Vorsicht!

Jetzt gehts in den Taunus: ständig bergauf, unterbrochen von kurzen Abfahrten. Der Regen hat immer noch nicht nachgelassen, auch wenn Günther meint, es wäre schon weniger.

Vom Höhenprofil wissen wir: jetzt geht's bis km 48 nur bergauf.

Bei km 30 nähert sich von hinten das Feld der U23-Fahrer. Die Begleitfahrzeuge fordern uns auf hintereinander und rechts zu fahren, was wir auch tun. Doch als das Feld vorbeirauscht, werden wir abgedrängt und müssen auf den Grasstreifen ausweichen, schließlich steigen wir sogar ab, um eine Kollision zu vermeiden. Haarige Situation!

Bei km 34 - hinter Idstein-Kröftel - geht's in den Anstieg zur ersten Bergwertung, knapp 2 km bergauf, Steigung allerdings (verhältnismäßig) moderat!

Bei der folgenden Abfahrt über mehrere km mit Geschwindigkeiten von über 60 km/h schneidet der Fahrtwind in die durchnässten Körper. Die Temperatur ist mittlerweile auf knapp über 10 Grad abgesunken, habe kaum noch Gefühl in den Fingerkuppen, Bremsen und Schalten geht nur noch mit Überwindung und Kraft.

Dieses Jedermann-Rennen kennt keine Verpfegungsstationen. Zum Glück hat Günther am Morgen neben der Batterie auch noch zwei Mars-Riegel gekauft. Mit klammen Fingern klauben wir sie aus der Trikottasche. Energie-Tanken!
Kurz darauf, bei einer Ortseinfahrt, werden wenigstens Sprudel-Flaschen gereicht. Wir greifen zu, trinken und werfen weg. Auf der Straße liegen hunderte von Plastikflaschen, man muss aufpassen, keine zu überfahren.

Jetzt noch die berüchtigte Bergwertung vor Ruppertshain. Zum Regen ist hier oben auch noch der Nebel hinzugekommen! Viele Teilnehmer müssen auch hier wieder vom Rad, die mittlerweile zahlreichen Zuschauer feuern jeden an, der seine Maschine noch in den Pedalen hochdrückt. Ich denke: Jan Ullrich wusste, warum er absagte, er wäre hier wohl nicht hochgekommen.
Wir kämpfen uns von Markierung zu Markierung: 500 m, 300 m, 200 m, 100 m, das Transparent der Bergwertung taucht aus dem Nebel auf, DURCH!!!
Die Musik und die Volksfest-Stimmung am Rand nehmen wir nur undeutlich war und stürzen uns in die nächste Abfahrt, die gleich in Ruppertshain auch noch mit einer gefährlichen Haarnadelkurve wartet.

Das Schwierigste haben wir jetzt geschafft, jetzt gilt es nur noch, die verbleibenden flachen 30 km gut bis zum Henninger Turm durchzukommen.

Der Regen ist wieder stärker geworden, wir fahren in einer Gruppe mit etwa 10 Fahrern, doch Windschattenfahren ist kaum möglich, weil die Gischt des Vordermannes wie eisige Nadeln ins Gesicht sticht.

Bei km 62 passieren wir die Ballsporthalle, unseren Startort: noch knapp 18 km bis zum Ziel - allerdings müssen wir diese 18 km wieder zurück, denn an der Halle steht das Auto!!!
Auf der Gegenfahrbahn kommen uns die ersten Rückkehrer entgegen, aber dass wir nicht zu den schnellsten gehören würden, das wussten wir vorher!
Jetzt rollen wir am Main vorbei: der ist mindestens so nass wie wir! Dann rechts über die Brücke:

Endlich ist der Henninger Turm zu sehen, die Zielgerade steigt noch einmal an, und dann sind wir unter dem Applaus der vielen Zuschauer durch!


Bilder von www.henninger-rennen.de, ebenso alle Ergebnisse


Die Transponder werden abgegeben, das Finisher-T-shirt in Empfang genommen: noch 18 km bis zum Auto???

Plötzlich stehen drei Busse da: "Wer fährt mit zur Ballsporthalle?" Wir nehmen das Angebot dankbar an: Rad über die Gitter, rüberklettern und dann reingezwängt. Günther und ich haben die beiden letzten Plätze ergattert. Holger steht hinter den Gittern: er hat auf den letzten Kilometern noch einen Platten gefahren. Leider kommt er nicht mehr in den Bus, hoffentlich erwischt er auch noch einen!
Zwar dauert die Fahrt unendlich lang, der Fahrer will uns wohl das Autobahnnetz um Frankfurt zeigen. Aber die Heizung funktioniert, und so langsam kriecht die Kälte aus dem Körper. Alle im Bus sind sich einig: man muss schon ein wenig verrückt sein, wenn man sowas auf sich nimmt, aber alle sagen das lachend!
Am Auto kommen die nassen Kleider vom Körper. Zum Glück haben wir beide vorgesorgt und trockenen Ersatz eingepackt.




Nach solchen 80 km sieht man nicht mehr so ganz frisch aus!






Fazit: Wir haben in 3:09 Std 80 km absolviert, dabei 1130 Höhenmeter erklettert, und all das bei strömendem Regen und unangenehmer Kälte. (Hätten wir vorher gewusst, was auf uns zukommt, wir hätten uns den Start wohl nochmal überlegt!) Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 25 km/h (Die Mindestvorgabe des Veranstalters lag bei 20 km/h!). Wir liegen damit zwar im letzten Drittel des Feldes, aber wir sind durch- und angekommen, was viele andere nicht sagen können!

Und das macht uns zufrieden!





Zuviel Wasser beim Bierrennen:
Das meinten andere zum Wetter:

Die Heimfahrt verläuft schnell und problemlos, Dank an den Kilometerfresser Günther! Und je näher wir dem Saarland kommen, desto heller wird der Himmel. In Saarbrücken scheint die Sonne - wie den ganzen Tag!

Aber als wir aus dem Auto aussteigen, knicken die Beine weg! Das Höhenprofil sagt warum!

Höhenprofil:


(wegen beschriebener technischer Schwierigkeit nur Höhe/Zeit)









(Bericht: khg)